Warum stichst Du zu?
Straftaten mit Messern haben oft keine klare Ursache. Studien beschäftigen sich aber mit den Hintergründen. Foto: Lacie Slezak / unsplash
Eine Auswertung von 21 Studien im Vereinigten Königreich zeigt erstmals, warum Messerangriffe entstehen. Und was dagegen wirklich helfen könnte.
Nicht nur in Deutschland blickt man besorgniserregend auf steigende Zahlen, wenn es um Gewaltdelikte im Zusammenhang mit Messern geht. Auch im Vereinigten Königreich sucht man seit Jahren nach einer Lösung für dieses Problem. Dort erreichte die Zahl der Messerstechereien, die von Personen unter 18 Jahren begangen wurden, mit über 4.500 registrierten Straftaten im Jahr 2018 einen neuen Höchststand. Und während der Anstieg teilweise auf eine bessere polizeiliche Praxis bei der Erfassung solcher Straftaten zurückzuführen sei, bleibt ein großer Teil der Kriminaldelikte weiterhin unentdeckt. Die sogenannte Dunkelzahl dürfte um ein vielfaches höher liegen als die offiziellen Statistiken.
___STEADY_PAYWALL___
Investitionen in Gegenmaßnahmen bringen keinen Rückgang der Straftaten
Doch die Regierung handelt: 2021 stellte das Innenministerium über 130 Millionen Pfund (ca. 152 Millionen Euro) für die Bekämpfung von Messerstechereien und Gewaltverbrechen zur Verfügung. Mit diesen Mitteln wurden verschiedene polizeiliche Strategien unterstützt, darunter verstärkte Patrouillen, Waffenkontrollen, Durchsuchungen sowie Programme zur frühzeitigen Intervention. Beispielsweise sollten junge Menschen in kritischen Momenten, wie beispielsweise der Einlieferung in Polizeigewahrsam besser erreicht werden, um sie von zukünftigen Straftaten abzuhalten. Ergänzt werden die Maßnahmen durch bereits bestehende Interventionsprogramme, welche vom Jugendgericht nach einer Verurteilung durchgeführt werden.
Mittlerweile ist allerdings klar, dass die Ergebnisse trotz des hohen Zeit-, Personal- und Kostenaufwands, der in die Bekämpfung von Messerstechereien investiert wurde, keinen anhaltenden Rückgang der Straftaten zeigen. Das liegt unter anderem an mangelhaften Daten für Maßnahmen und Programme zur Bekämpfung von Messerstechereien, was es schwierig macht, Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, was zur Reduzierung eben jener Straftaten beiträgt. Jetzt hat die British Psychological Society (BPS) der Problematik eine Auswertung gewidmet, in welcher 21 Arbeiten zu den Themen Tätermerkmalen und Interventionsstrategien überprüft wurden, um Erkenntnisse über die Merkmale von Messerstechern und wirksame Interventionen zu sammeln.
Vorbelastungen durch negative Kindheitserfahrungen spielen große Rolle
Bei den Studien handelt es sich um jeweils 15 Arbeiten zu Tätermerkmalen und 6 Studien zu möglichen Interventionsstrategien. Die Ergebnisse der Auswertung zeigen, dass Kriminalitätsdelikte im Zusammenhang mit Messern vor allem mit psychischen Problemen, illegalem Drogenkonsum und Gewalterfahrungen als Täter, Opfer oder Zeuge in der Vergangenheit in Verbindung stehen. Weibliche Täter würden zudem eher dazu neigen, Straftaten in häuslichen Umgebungen zu begehen, während Männer dies eher in öffentlichen Umgebungen tun würden.
Auch unterscheidet die Auswertung zwischen Tätern, die mit Banden in Verbindung stehen, und denen, die keine Verbindungen zu solchen Organisationen haben. Bandenbezogene Messerstechereien beinhalten demnach „instrumentelle Aggression” als Mittel zum Zweck, beispielsweise um das „Territorium” für den illegalen Drogenverkauf zu schützen. An nicht bandenbezogenen Messerstechereien sind dazu im Gegensatz vor allem junge Menschen beteiligt, die durch negative Erfahrungen in ihrer Kindheit vorbelastet sind, sogenannte Adverse Childhood Experiences (ACEs).
Auch eine fehlende Vorbildfunktion des Vaters soll aufgearbeitet werden
Ein besserer Zugang zu Unterstützung in Bezug auf Unterkunft, Bildung und Beschäftigung kann laut der Auswertung eine effektive Maßnahme sein, die Zahl der Personen, die eine Waffe mit sich führen, zu reduzieren. Es wird vorgeschlagen, Mentoring-Programme und Jugendklubs zu finanzieren, welche vor allem Kindern und Jugendlichen helfen sollen, welche durch eine fehlende positive Vaterfigur kein männliches Vorbild in ihrer Kindheit hatten. Die dadurch fehlende Rolle der Kindererziehung soll dort aufgearbeitet werden. Gleichzeitig sollen Eltern besser über den Einfluss des Internets und die Risiken, die gewalttätige Medien und gewalttätige soziale Netzwerke darstellen können, sensibilisiert und aufgeklärt werden.
Ebenfalls wird eine Verlagerung des Schwerpunkts von kriminalitätsbezogener Erziehung und Abschreckung auf die Bereitstellung praktischer Unterstützung für gefährdete Jugendliche in den Bereichen Wohnen, Beschäftigung, Bildung, psychische Gesundheit, Konfliktlösung und soziale Fähigkeiten im Umgang mit Erwachsenen, Gleichaltrigen und ihren Familien empfohlen. Gerade in sogenannten Brennpunkten aufgewachsene Jugendliche sind hier im Fokus, da das Konfliktpotenzial dort erhöht ist. Örtliche Behörden müssten zudem Verantwortung für alle Jugendlichen übernehmen, die nicht zur Schule gehen, da diese am stärksten gefährdet sind. Dazu gehören Jugendliche, die vorübergehend oder dauerhaft vom Schulbesuch ausgeschlossen sind, Jugendliche, die zwar nicht vom Schulbesuch ausgeschlossen sind, aber nicht am Unterricht teilnehmen dürfen, und Jugendliche, die zu Hause unterrichtet werden.
BPS entwickelt fünf gezielte Maßnahmen
Doch all diese Empfehlungen sind ohne einen ausgearbeiteten Umsetzungsplan nicht mehr als Theorie. Daher hat die British Psychological Society einen Aktionsplan entworfen, welcher in fünf Punkte zusammengefasst ist:
- Bereitstellung von maßgeschneiderter Unterstützung in Bezug auf Unterkunft, Bildung, Ausbildung und Beschäftigung für junge Menschen in benachteiligten Stadtteilen (Untersuchungen haben gezeigt, dass dies zu einer 50-prozentigen Reduzierung der Anzahl junger Menschen führt, die Messer mit sich führen).
- Unterstützung junger Menschen bei der Suche nach einem Gefühl der Zugehörigkeit durch sichere emotionale Bindungen in einem familiären Umfeld.
- Langfristige Finanzierung von Jugendklubs und Jugendinterventionen – einschließlich Mentoring.
- Ermittlung und Zusammenarbeit mit Jugendlichen, die von Bildung ausgeschlossen sind und/oder nicht am Unterricht teilnehmen.
- Intensivierte Auseinandersetzung mit der Verfügbarkeit von "Jagdmessern" und den Auswirkungen gewalttätiger Unterhaltung in den (sozialen) Medien, um deren Beitrag zu antisozialem und gewalttätigem Verhalten junger Menschen an zu identifizieren.
Therapie und Interventionen können zur Lösung des Problems beitragen
Gleichzeitig betont man, dass es trotz der Auswertung der Studien und aktueller Datenlage keinen klaren, evidenzbasierten Rahmen für Richtlinien und Praktiken, aus welchem sich wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung von Messerstechereien ableiten ließen, geben würde. Die Untersuchungen würden aber klar darauf hindeuten, dass gezielte Maßnahmen, insbesondere bei gefährdeten Personengruppen wie Bandenmitgliedern und vorbelasteten Jugendlichen, eine effektive Methode sein können, um die Zahl der Kriminalitätsdelikte mit Messern in der Zukunft zu senken.
Insbesondere soziale Probleme, den Mangel an positiven Vorbildern, Jugendclubs und Berufsausbildungen müsse man angehen. Bei Nicht-Bandenmitgliedern sei es wichtig, auf traumafokussierte Therapie und psychologische Interventionen zu setzen. So hätten zwei Drittel der Messerstecher psychische Probleme, weshalb es wichtig sei, mehr in psychologische Dienste für Jugendliche zu investieren.
Was lernen wir also aus dieser Auswertung? Natürlich stellt die Publikation der British Psychological Society keine Schritt-für-Schritt-Anleitung dar, um die Problematik rund um Messerstechereien im Vereinigten Königreich auf Anhieb garantiert lösen zu können. Viel wichtiger ist allerdings, dass man sich nun vermehrt mit den Faktoren beschäftigt, welche zu diesen Taten führen. Gemeinden wird es dadurch ermöglicht, für alle Bürger verständliche und tatsächlich wirksame Maßnahmen ableiten zu können, welche auf weitaus mehr als nur einer einzigen Statistik basieren. Ein Schritt, den man sich hierzulande vielleicht abschauen sollte.